Jedes Herz soll Heimat finden

Jedes Herz soll Heimat finden

April. Es war lange still hier. Dafür gibt es vielfältige Gründe. Manchmal gibt es einfach nichts zu erzählen. Manchmal braucht man Zeit, um Dinge zu überdenken, neu zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Manchmal will man auch nicht jeden Bums öffentlich in einen Blog schreiben.

Ziemlich genau vor 7 Jahren kam ich nach Norddeutschland. Begann hier beruflich noch einmal neu. Diese Entscheidung fiel bewusst. Ich wollte ans Meer. Ich wollte diesen Job. Vielleicht mal ankommen. Vielleicht auch bleiben.

Die ersten Jahre war ich viel unterwegs. Lehrgänge, Ausbildungen und zwei Einsätze ließen gar nicht so richtig zu, mal in Ruhe zu fühlen ob sich das hier so ein bisschen wie Heimat anfühlen kann. Dann kam Corona. Plötzlich gab es jede Menge Zeit. Alles war auf einmal entschleunigt. Man war fast gezwungen sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Und dann beginnt man zu hinterfragen.

Will ich das?
Will ich das?
Will ich das?

Der Job, der anfänglich genau das war, was ich wollte, was mir Spaß machte, wandelte sich aufgrund struktureller und personeller Änderungen zu einem Job der mir Bauchschmerzen bereitet wenn ich morgens zum Dienst fahre. Die Uniform zu tragen ist nach wie vor das was ich will. Das steht völlig außer Frage. Ich möchte keinen anderen Beruf. Aber auch hier gibt es eben Unterschiede zwischen erfüllenden Aufgaben und Aufgaben die einfach nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gleichen.

Nein, so will ich das nicht.

Die Nähe zum Meer – oder besser gesagt zu gleich zwei Meeren – mag ich nach wie vor sehr. Womit ich gar nicht zurecht komme ist jedoch das Wetter. Gefühlt stehe ich jeden Morgen bei Wind und Regen auf dem Balkon um meinen Kaffee zu trinken. Die nasskalte, graue Jahreszeit geht hier von September bis Mai. Die Sonne fehlt. Der Vitamin-D Spiegel lässt sich nur mit Tabletten oben halten um Antriebslosigkeit und Depressionen entgegen zu wirken. Vieles von dem was ich gerne mache ist draußen. Fotografie. Biken. Hiken. Klar, kann man alles auch mit 10 Schichten wetterfester Klamotten machen, aber mal ehrlich – das ist Scheiße und ich bin ein Sommermensch.
(Während ich dies hier schreibe, sitze ich übrigens mit zwei Paar Socken und dickem Pulli in der Wohnung während es draußen seit Stunden stürmt und hagelt.)

Nein, so will ich das nicht.

Zum Ankommen gehört für mich auch dazu, dass sich ein gewisses soziales Umfeld entwickelt. Nun, ich weiß, ich bin nicht gerade der einfachste Charakter und man hat es mitunter nicht leicht mit mir. Hier im Norden Anschluss zu finden ist dennoch wirklich eine Herausforderung. Man hat hier viel Gegend. Wirklich schöne Gegend. Keine Frage. Wenn man aber nicht so der Vereinstyp ist oder sich für die freiwillige Dorffeuerwehr begeistert wird es hier in der Provinz wirklich schwer sozial Anschluss zu finden. Und dabei rede ich hier noch gar nicht davon, jemanden für eine Beziehung kennenzulernen. Das erscheint mir hier nach all den Jahren nahezu unmöglich.

Zugegeben, ich bin durchaus etwas verwöhnt von Leipzig. In der Großstadt ticken die Uhren einfach anders. Die Möglichkeiten Menschen kennenzulernen sind vielfältiger. Bekanntschaften ohne Zweifel oft auch schnelllebiger. Die Menschen dafür aber auch offener. Nach 7 Jahren beschränkt sich also mein soziales Umfeld hier im Norden für mich auf einige wenige. Somit bin ich den Großteil meiner Zeit entweder auf Arbeit, alleine zu Hause oder alleine draußen unterwegs. Oder verbringe viel Zeit auf der Autobahn um doch wieder in die “Heimat” zu fahren und Familie, Freunde oder Bekannten zu sehen.

Nein, so will ich das nicht.

All dies wurde mir während den Einschränkungen, die die Pandemie mit sich brachte, immer deutlicher. So ist das wohl, wenn man viel Zeit hat um nachzudenken und seine Situation zu bewerten. Als ich dann letzten Sommer wieder einmal Stunden auf der Autobahn verbrachte, um nach ein paar Wochen Urlaub zurück in den Norden zu fahren, traf ich spontan die Entscheidung an einem Autobahnkreuz nicht geradeaus durch, sondern nach links abzufahren. Um jemanden zu treffen. Jemanden, zu dem bereits seit einigen Jahren mal mehr, mal weniger intensiver Kontakt über Social Media bestand. Jemanden, der in meiner Vorstellung absolut einmalig und großartig war. Besonders. Es gab nie ein persönliches Kennenlernen, aber irgendwie doch eine Verbindung zwischen uns.

Ich dachte in diesem Moment auf der Autobahn: jetzt oder nie. Manchmal braucht es Mut. Vielleicht hätte ich diesen schon ein paar Jahre zuvor aufbringen sollen. Es ist jedoch wie es ist und ich hatte erst jetzt diesen Mut dazu. Also, Blinker rechts. Abfahren. Sich währenddessen Gedanken machen, ob man auch halbwegs vernünftig angezogen ist, ob die Frisur sitzt und ob man jetzt total dämlich ist, weil man versucht dieses Romantik-Ding, was sonst ja nur in Filmen geschieht, wirklich in die Tat umzusetzen. Ich bin schließlich kein Scheiß Prinz und mein alter Kombi ist auch alles andere als ein edler weißer Gaul.

Lange Rede kurzer Sinn, aus diesem Treffen wurde nichts. Aus Gründen. Spielt auch keine Rolle. Es ging nicht darum, ob aus dieser spontanen Idee wirklich ein Treffen wird. Es ging darum, wie die andere Person reagiert – oder eben nicht reagiert. Was ich damit sagen will ist, es kommt vor, dass man sich gedanklich an Dingen festhält, die da vermeintlich ganz großartig sind. Entgegen jeder Vernunft lässt man in seinem Kopf Dinge oder Personen zu etwas Besonderem werden. Werden sie dann allerdings von der Realität auf den Prüfstand gestellt, verblasst alles besondere. Das, von dem man dachte, es hat etwas Magisches, hat dies dann mitunter nur in der eigenen Vorstellung gehabt.

So wie die Vorstellung, die ich davon hatte, wie es ist in Schleswig-Holstein am Meer zu leben.

Back to Reality.

Am Tag darauf hatte ich wieder Dienst. Ich war motiviert, hatte ja erst Urlaub. Eine schöne Zeit, konnte Kraft tanken. Es brauchte genau von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags bis alles in mir schrie: Was für eine Scheiße hier! Die Mails. Die Aufträge. Die Vorgesetzten. Die Arbeit.

Nein, so will ich das nicht.

Um kurz nach 12 Uhr schrieb ich einen Antrag auf Versetzung nach Sizilien.
Unterschrieben.
Abgegeben.
Erleichtert.

Was für ein befreiendes Gefühl. Alles vorangegangene in seiner Summe konnte nur eines bedeuten: Ich brauche Veränderung. Ich muss hier weg. Und vor allem muss ich mir selbst eingestehen, dass Norddeutschland und ich gescheitert sind. Das ist nichts Schlimmes. Das ist das Leben. Manchmal passt es eben einfach nicht. Die Kunst dabei ist, glaube ich, ähnlich wie bei so vielen kaputten Beziehungen, den Absprung zu schaffen. Nicht auf Biegen und Brechen daran festzuhalten, sondern offen zu sagen: okay, das wird hier nichts mehr. Und nein, auch ein Kind rettet so eine kaputte Beziehung nicht mehr.

Bei mir war das Kind der Berufssoldat. Und der Satz dazu, den ich nicht mehr hören kann, ohne zu kotzen ist: „Du bist doch Berufssoldat, was willst du denn noch?“.

Berufszufriedenheit geht anscheinend für viele einher mit dem entsprechenden Geldeingang auf dem Konto. Klar, ein geregeltes Einkommen und Zukunftssicherheit sind wichtig. Auch ich weiß wie beruhigend es ist, zu wissen am Ende des Monats kann man sich darauf verlassen Geld auf dem Konto zu haben. Dabei vergessen wir – ja, auch ich – oft etwas ganz elementares: Unsere Lebenszeit ist uns geschenkt. Sie sollte angefüllt sein mit Qualität und nicht mit Quantität.

Berufszufriedenheit bedeutet für mich allerdings in erster Linie, dass ich nicht mit Bauchschmerzen zur Arbeit fahre. Dass ich etwas sinnvolles tue was mich im besten Fall sogar erfüllt. Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, arbeiten zu gehen. Dass Arbeit nicht 8 Stunden am Tag die totale Spaßveranstaltung ist, ist mir klar. Jedoch sollte man zumindest sagen können, man tut dies gerne, was man da eben tut. Als Ergebnis kommt dann nämlich ein Stück mehr Qualität im Leben heraus.

Sizilien also.

Viele in meinem Umfeld haben mich gefragt wieso denn gerade Sizilien. Nun ist es bei meinem Job nicht so wie in der freien Wirtschaft, wo man einfach kündigt, sich einen VAN kauft und seine Midlife-Crisis damit kompensiert, sich einen Vanlife-Social-Media-Account anzulegen, durch die Welt zu tingeln und alle daran teilhaben zu lassen. Dass man ständig in der Wildnis hinter Büschen scheißen und an versifften Autobahnraststätten duschen gehen muss, zeigt da natürlich keiner. #vanlife

Auf Sizilien gibt es eine passende Stelle für mich, auf die ich mich bewerben konnte. Und ich dachte, selbst wenn die Arbeit da ähnlich unbefriedigend sein sollte wie derzeit hier, wäre ich immer noch im Mittelmeer auf einer verdammten Insel mit deutlich mehr Sonnentagen als hier in Norddeutschland. Nicht der schlechteste Ort, um seine Midlife-Crisis zu verbringen. Oder? 😉 Ein paar gute Jahre habe ich noch, ich will nicht noch mehr davon verschwenden. #vivaitalia

Außerdem ist es erstmal nur für ein paar Jahre. Was danach kommt, wird sich zeigen. Ich sei ein Streuner, sagte mal jemand zu mir. Mag sein. Ich war ja nie der Frau-Hochzeit-Kind-Haus-Hund Typ. Die Gespräche auf Arbeit über das neueste Carport, das alljährliche Heckenschneiden oder das letzte Dorffest der freiwilligen Feuerwehr (auf dem es ja so abging, das glaubst du nicht!!!) sind für mich befremdlich. Versteht mich nicht falsch, ich verurteile das nicht und wer darin sein Glück findet – hey, go on!

Aber wisst ihr, auch wenn es abgedroschen ist, jeder von uns hat nur ein Leben. Ich kann es daher für mich selbst nicht hinnehmen in einer für mich unbefriedigenden Situation einfach zu verharren und nicht zumindest den Versuch zu unternehmen etwas zu ändern. Damit es mehr dem entspricht, wie ich mir vorstelle, wie mein Leben aussehen soll.

Ob ich glaube, dass es die richtige Entscheidung ist, haben mich auch viele gefragt. Keine Ahnung. Ich werde es sehen. Kann auch sein, ich sitze da nach einem Jahr und bin genauso unzufrieden. Der Punkt ist doch aber der, wenn ich es nicht versuche, finde ich es nicht heraus.

Jedes Herz soll Heimat finden. Was genau diese Heimat letztendlich ist, ist für jeden etwas anderes.

Beau Taplin hat mal geschrieben:

he kissed her cheek
and then she knew
that you could
become homesick
for people too.

Vielleicht also, lässt sich Heimat auch in einer Person finden.
Vielleicht, werden auch Streuner dann einmal sesshaft.
Und bauen Carports und schneiden Hecken.

Who knows.

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